Liebe Leute!
Auf der Stiege vorm Haupteingang der Pharmazie kauerte ein Mädchen. Sie schluchzte und heulte, als wäre das Ende aller Tage. Da niemand um sie herum war, sah ich mich gezwungen, sie aufzumuntern.
Ich klopfte ihr auf die Schulter und sagte: „Ach mach dir nichts draus, den Buchbauer haben schon ganz andere geschafft, ein bisserl Glück gehört immer dazu. Und außerdem kommt eh vielleicht bald die Umstellung auf den Bachelor, da schaut der Studienplan vielleicht ganz anders aus. Hast du schon mal überlegt, ein paar Prüfungen wo anders zu machen und sie dir für den Buchbauer anrechnen zu lassen? Was is mit Graz, Innsbruck? Ich kenn ein paar gute Chemienachhilfelehrer, kann dir die Nummern geben. Man muss nur wissen, wie man den Stoff angeht, nicht wahr? Kopf hoch! Der wievielte Antritt wars denn überhaupt?“
Sie: „Buchbauer ? Ihr Pharmazeuten immer mit eurem Buchbauer! Ihr habt ja nix Anderes im Kopf. Buchbauer hin, Buchbauer her, wie wenn die ganze Welt nur daraus bestünde. Ich studiere übrigens Raumordnung, das hat nix mit Chemie und so einem Zeug zu tun…“
Ich: „Achso, na dann kanns ja nicht so schlimm sein, hört sich ja stark nach Geisteswissenschaften oder sowas an, oder?“
Sie: „Du hast ja keine Ahnung und überhaupt kannst du dir deine Arroganz sparen, du akademischer Schachtelverkäufer, du profitgeiler Handlanger der Pharmaindustrie!“
Ich: „Jetzt aber mal halblang, der Pharmazeut muss auch dem industriellen Standard genügen! Wir Pharmazeuten tragen zudem enorm große Verantwortung! Wenn du wüsstest, welchen Blödsinn viele Ärzte den lieben Tag lang verschreiben! Lebensgefährlich, sag ich, lebensgefährlich! Naja gut, ich versteh‘s eh, wenn mir eine Firma einen schönen „Kongressaufenhalt“ auf den Bahamas zahlen würd, wärn mir ihre Produkte auch wesentlich sympathischer. Und überhaupt, du bist sicher genau so jemand, der für jede Krankheit ein Flascherl aus der eigenen homöopathischen Zauberkiste hat und für Geld per Handauflegen Warzen entfernt. Bei Vollmond, versteht sich!“
Ich war sehr zufrieden mit meiner Kampfrede und gewillt, ihren nächsten Angriff erneut abzuschmettern, da begann sie erneut Krokodilstränen zu vergießen.
„Ach, lass mich doch bitte einfach in Ruhe. Bitte!“, sagte sie.
Ich sah, dass es wirklich schlimm um sie bestellt sein musste. Unvermittelt vertrieben die Emotionen Mitleid und Reue den blinden Zorn aus meiner Seele.
„Es tut mir Leid, dir geht’s nicht gut und ich hab nichts Besseres zu tun, als dich zu beschimpfen. Willst mir eine reinhaun? In den Bauch! Vielleicht geht’s dir dann besser ? Volle Wucht! Im Ernst jetzt! Tu es! „
Sie reagierte nicht auf meinen Wunsch, dessen Erfüllung wohl ohnehin eher mein Gewissen als ihren Gemütszustand erleichtert hätte.
„Die sind verrückt“ sagte sie.
Ich: „Wer ist verrückt? Die Pharmazeuten? Ja, hast eigentlich eh Recht, ein paar Freaks sind schon dabei. Naja, vielleicht auch ein paar mehr.“
Sie: „Doch nicht die Pharmazeuten. Die sind mir doch wurscht.“
Ich: „Danke.“
Sie: „Die da drüben mein ich, die da in dem Turm.“
Ich: „In welchem Turm ? Meinst du die Müllverbrennungsanlage, oder was? “
Sie: „Müllverbrennungsanlage ? Haha, dass ich nicht lache! Weißt du was die behaupten? Die sagen, die haben das zur Stromversorgung des AKH’s gebaut.“
Ich: „Ja und, is eh klar, dass die riesigen Kästen da viel Strom brauchen, oda?.“
Sie: „Da sieht man‘s wiedermal. Pharmazeuten. In welchem Semester kriegt ihr denn die Scheuklappen umgeschnallt?“
Diesmal konnte ich mich zusammenreißen.
Sie: „ In Raumordnung lernen wir im ersten Semester folgenden Spruch: Baue nah, so bist du schneller da, baue fern und keiner hat dich gern“
Ich: „Schon im ersten Semester ? Ihr seits ja echt auf Zack. “
Sie: „Klappe zu! Weißt du, wie weit das AKH von Spittelau entfernt ist?
Ich: „No idea.“
Sie: „Ich sags dir: 2 KILOMETER.“
Ich: „Nicht gerade nah.“
Sie: „Ist doch völlig ineffektiv ein Kraftwerk 2 Kilometer entfernt zu bauen, wie wenn da sonst nirgends Platz wäre. Außerdem wohnen da ja überall Menschen rundherum. Wie wenn das niemanden stören würde. Hast du gewusst, dass 2007 angeblich über 60 „Delegationen“ aus aller Herren Länder gekommen sind, um sich diese Gebäude anzusehen? Angeblich viele aus Italien, du weißt schon, die habens da ja nicht so mit der Müllbeseitigung. Mafia und so. Angeblich kommen die alle wegen des Hundertwasserstils. In Japan, in Osaka, da haben sie übrigens auch so ein Ding hingestellt, im Hundertwasserstil.
("Spittelau" Osaka)
Ich: „Sehr mysteriös hört sich das an, in der Tat.“
Sie: „Das hab ich mir auch gedacht und deswegen wollte ich die Sache mal genauer unter die Lupe nehmen…“
Ich: „Das heißt?“
Sie: „Ich hab mich da reingeschlichen.“
Ich: „Wie bitte? Da machst du dich doch strafbar!! Wie hast du das überhaupt gemacht? Is ja alles umzäunt, außerdem sind da überall Kameras.“
Sie: „Ich hab mich in einem Müllwagen versteckt. Ich hab mich gerade so reingelegt, dass ich von Müll bedeckt war, aber noch atmen konnte. Der ist dann tatsächlich in die Anlage hineingefahren. Ich wollte dann im geeigneten Moment rauspringen und mir die Anlage mal genauer ansehen. Doch dann hörte ich dieses Bellen, es kam immer näher. Offensichtlich durchsuchten die die Müllwagen. Also tauchte ich tiefer in den Müll, um nicht entdeckt zu werden. Doch ich kam nicht recht weit, denn anstatt des erwarteten Mülls war da Kohle! Überall Kohle! Unter einer 50 cm dicken Schicht Müll waren in diesem Wagen hunderte Kilo Kohle versteckt.“
Fortsetzung folgt.....